Die Vakanz, die nicht warten kann
Der Geschäftsführer einer wichtigen Tochtergesellschaft scheidet überraschend aus. Die Nachbesetzung wird Monate dauern. In der Zwischenzeit muss die Strategie umgesetzt werden, die Zahlen müssen stimmen, das Team braucht Führung. Die Optionen sind begrenzt: einen internen Kandidaten zu früh ins kalte Wasser werfen, die Stelle vakant lassen oder einen Interim Manager engagieren.
Interim Management ist kein Notnagel. Es ist ein strategisches Instrument, das richtig eingesetzt Ergebnisse liefert und falsch eingesetzt Abhängigkeiten erzeugt, die teurer sind als die Vakanz, die es überbrücken sollte.
Ein Geschäftsführer, den ich beraten habe, hatte in zwei Jahren drei Interim Manager für dieselbe Position eingesetzt. Jeder lieferte gute Arbeit, jeder ging nach Mandatsende. Und jeder hinterließ eine Organisation, die etwas weniger eigenständig war als zuvor. „Wir hatten immer einen Interim Manager. Aber wir hatten nie eine Nachfolge“, brachte er das Problem auf den Punkt. Das Interim Management war zur Dauerlösung geworden, ohne dass jemand diese Entscheidung bewusst getroffen hätte.
Das ist kein Argument gegen Interim Management. Es ist ein Argument dafür, es bewusst und strategisch einzusetzen. Drei Hebel machen den Unterschied zwischen einem Mandat, das die Organisation stärker zurücklässt, und einem, das nur Symptome behandelt.
Hebel 1: Klären, wofür Sie Interim Management einsetzen
Nicht jede Vakanz rechtfertigt einen Interim Manager. Und nicht jeder Interim Manager passt zu jeder Situation. Die häufigste Fehlentscheidung ist, einen Interim Manager einzusetzen, ohne zu klären, welches Problem er eigentlich lösen soll.
In der Praxis gibt es fünf typische Einsatzszenarien, und jedes erfordert ein anderes Profil und ein anderes Mandat. Erstens die klassische Überbrückung: Eine Position ist vakant, die Nachbesetzung läuft. Der Interim Manager hält das operative Geschäft am Laufen, ohne strategische Weichen zu stellen. Zweitens das gezielte Veränderungsmandat: Eine Transformation, eine Restrukturierung, ein Turnaround erfordert eine Kompetenz, die intern nicht verfügbar ist. Der Interim Manager bringt Expertise und Unabhängigkeit ein, die ein interner Kandidat nicht haben kann. Drittens die Wissensbrücke: Ein neues Geschäftsfeld, eine neue Technologie, eine neue Regulierung erfordert Aufbauwissen, das die Organisation selbst entwickeln muss, aber nicht ohne externe Anleitung. Viertens die ehrliche Diagnose: Wenn ein Bereich strukturelle Probleme hat, die intern nicht mehr objektiv analysiert werden können, schafft ein Interim Manager mit Außenblick die Voraussetzung für die richtigen Entscheidungen. Und fünftens das zeitlich begrenzte Programm: Eine Führungsaufgabe muss übernommen werden, die nach Abschluss nicht weiterbestehen wird, etwa die Umsetzung einer regulatorischen Vorgabe, der Aufbau einer Sondereinheit oder die Leitung eines Großprogramms. Der Interim Manager verantwortet ein definiertes Vorhaben, dessen Ende mit dem Mandat zusammenfällt.
| Einsatzszenario | Profil | Mandatsfokus |
|---|---|---|
| Überbrückung | Solide Generalisten-Erfahrung, kein Veränderungstreiber | Stabilität, Tagesgeschäft, geordnete Übergabe |
| Veränderungsmandat | Spezialisten-Expertise mit Veränderungskompetenz | Definierte Transformation in definiertem Zeitrahmen |
| Wissensbrücke | Fachliche Tiefe plus didaktische Fähigkeiten | Aufbau interner Kompetenz, Wissenstransfer |
| Diagnose | Erfahrene Senior-Berater mit Führungserfahrung | Analyse, Empfehlung, ggf. erste Umsetzungsschritte |
| Zeitlich begrenzte Thematik | Programm- oder Projektleitungserfahrung mit Führungsstärke | Aufbau oder Umsetzung einer temporären Sonderaufgabe |
Wer ein Veränderungsmandat mit einem Überbrückungsprofil besetzt, wird Stabilität bekommen, wo Veränderung gefragt war. Wer ein reines Diagnose-Mandat an einen Sanierer vergibt, erntet Aktionismus, bevor das eigentliche Problem verstanden wurde. Die Profilfrage zu klären, bevor das Mandat ausgeschrieben wird, ist die wichtigste Vorarbeit.
Ein Interim Manager bringt darüber hinaus einen strukturellen Vorteil mit: Er strebt keine interne Karriere an. Das erlaubt ihm, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und Entscheidungen zu treffen, die interne Führungskräfte aus Rücksicht auf das eigene Standing zurückhalten würden. Diese politische Unabhängigkeit ist besonders bei Veränderungs- und Diagnosemandaten wertvoll, in denen interne Loyalitäten die ehrliche Analyse erschweren.
Hebel 2: Mandat, Befugnisse und Ergebnisse explizit definieren
Eine Bereichsleiterin, die ich bei der Steuerung eines Interim Managers begleitet habe, hatte das Mandat sauber aufgesetzt: zwölf Monate Laufzeit, vereinbarter Tagessatz, monatliche Reviews. Was fehlte, war die präzise Ergebnisdefinition. Im sechsten Monat stand sie vor der Frage, ob das Mandat verlängert werden müsse. Die operative Stabilisierung lief, aber die strategische Neuausrichtung war nicht spürbar weitergekommen. Der Interim Manager hatte gearbeitet, woran er arbeiten konnte, in Ermangelung klarer Prioritäten. Erst die Nachverhandlung des Mandats mit konkreten Meilensteinen brachte den gewünschten Erfolg.
Ein professionelles Interim-Mandat braucht drei Elemente. Erstens ein definiertes Ergebnis: Was muss am Ende des Mandats erreicht sein? Nicht „die Abteilung führen“, sondern konkret: „Drei Schlüsselpositionen besetzt, der Restrukturierungsplan umgesetzt, der Nachfolger eingearbeitet.“ Wer das Ergebnis nicht benennen kann, wird es auch nicht erreichen. Zweitens klare Befugnisse: Was darf der Interim Manager entscheiden, was nicht? Welche Investitionen, Einstellungen, Beendigungen liegen in seinem Mandat? Ohne diese Klarheit verschwendet er Zeit mit Abstimmungen oder überschreitet seine Befugnisse, beides schadet. Drittens eine definierte Zeitachse mit Übergabeplan: Wann endet das Mandat? Wer übernimmt? Wie wird das Wissen gesichert? Ein Interim Manager, der ohne Übergabeperspektive arbeitet, kann gar nicht anders, als sich unentbehrlich zu machen.
David Maister, der Vordenker im Bereich Professional Services, hat ein Prinzip geprägt, das auch für Interim Management gilt: Der beste Berater oder Interim Manager ist der, der sich selbst überflüssig macht. Wer langfristig gebunden bleibt, hat entweder das Mandat nicht erfüllt oder die Organisation in eine Abhängigkeit geführt, die nicht beabsichtigt war.
Das hat direkte Konsequenzen für die Vertragsgestaltung. Wer ein Mandat allein über Tagessatz und Laufzeit definiert, kauft Verfügbarkeit, aber keine Ergebnisse. Verankern Sie stattdessen Meilensteine im Vertrag. Ein Interim-Mandat ist kein dauerhaftes Anstellungsverhältnis auf Rechnungsbasis, sondern ein Projekt mit klar definiertem Ziel und definiertem Ende.
Hebel 3: Ergebnisse verankern, bevor das Mandat endet
Der größte Wert eines Interim Mandats entsteht nicht während des Mandats, sondern in den Monaten danach. Wenn die Verbesserungen, die der Interim Manager erreicht hat, nach seinem Weggang wieder erodieren, war das Mandat ein temporärer Erfolg ohne nachhaltige Wirkung. Diese Beobachtung deckt sich mit dem, was sich in zahlreichen Beratungsmandaten zeigt: Die nachhaltige Wirkung entscheidet sich in der Übergabe, nicht in der Arbeit selbst.
Die Verankerung beginnt nicht am Ende, sondern am Anfang. Bei Mandaten mit Anschluss in der Linie lautet die Frage: Wer übernimmt nach dem Interim Manager? Diese Frage muss bei Mandatsbeginn beantwortet werden, nicht erst zwei Wochen vor Ende. Wenn die Nachfolge noch ungeklärt ist, sollte der Interim Manager aktiv an der Auswahl beteiligt sein, denn er kennt die Anforderungen der Rolle aus eigener Erfahrung besser als jede HR-Abteilung oder Personalberatung. Und der Übergabezeitraum muss großzügig bemessen sein: Vier Wochen Parallelbetrieb sind kein Luxus, sondern Voraussetzung dafür, dass implizites Wissen tatsächlich übergeben wird, nicht nur Aktenordner. Bei zeitlich begrenzten Programmen ohne Nachfolge stellt sich die Frage anders: In welche bestehenden Linienstrukturen werden die Ergebnisse überführt, und wer trägt nach Mandatsende die Verantwortung für die laufende Betreuung? Auch hier muss die Antwort zu Beginn klar sein, nicht am Ende improvisiert werden.
Ebenso wichtig ist die Verankerung der Veränderungen in der Linie. Was der Interim Manager an Prozessen, Strukturen und Entscheidungswegen eingeführt hat, muss von internen Führungskräften getragen werden. Wenn die Veränderungen nur am Interim Manager hängen, fallen sie mit ihm. Diese Verankerung erfordert bewusste Begleitung: regelmäßige Reviews nach dem Mandatsende, klare Verantwortlichkeiten in der Linie, und die Bereitschaft der Geschäftsleitung, die getroffenen Entscheidungen mitzutragen. Die Realität in den Unternehmen zeigt: Interim Mandate scheitern selten an den Interim Managern. Sie scheitern an der Bereitschaft der Organisation, nach dem Mandatsende die Verantwortung selbst zu tragen.
Drei Fragen an Sie
Erstens: Wenn Sie aktuell mit einem Interim Manager arbeiten, können Sie in zwei Sätzen das vereinbarte Ergebnis und das Enddatum benennen? Wenn nicht, ist das Mandat unscharf definiert.
Zweitens: Was passiert nach dem Mandatsende? Bei einer Linienfunktion: Wer übernimmt die Position und ist diese Person bereits identifiziert? Bei einem zeitlich begrenzten Programm: In welche Strukturen werden die Ergebnisse überführt? Wenn die Antwort „das klären wir später“ lautet, schaffen Sie ein Anschlussproblem.
Drittens: Welche Veränderungen, die der Interim Manager eingeführt hat, würden seinen Weggang ohne weitere Begleitung überleben? Benennen Sie sie konkret. Was nicht auf der Liste steht, müssen Sie aktiv verankern, bevor das Mandat endet.
Der Kern
Interim Management ist eines der wirksamsten Instrumente, das Führungskräfte zur Verfügung haben. Und es ist eines der am häufigsten missverstandenen. Wer Interim Manager als Lückenfüller einsetzt, bekommt teure Lückenfüller. Wer sie als strategisches Instrument einsetzt, mit klarem Mandat, definierter Zeitachse und ernsthafter Verankerung, bekommt nachhaltige Ergebnisse.
Der Unterschied liegt nicht beim Interim Manager. Er liegt bei der Führungskraft, die das Mandat vergibt und steuert.
Weiterführende Impulse
Wann Berater helfen – Die strategische Entscheidung, wann externe Unterstützung sinnvoll ist und wie Sie sie richtig auswählen.
Das schwierige Erbe – Wenn der Interim Manager einen Scherbenhaufen übernimmt: die ersten 90 Tage.
Alle Impulse finden Sie in der Übersicht.