Das Projekt, das alle wollen und niemand steuert: Warum bereichsübergreifende Vorhaben scheitern

Mandat ohne Hebel

Das Transformationsprojekt hat alles, was ein Projekt braucht: Vorstandsmandat, Budget, Zeitplan, einen engagierten Projektleiter. Und trotzdem bewegt sich wenig. Der Vertrieb priorisiert das Tagesgeschäft. Die IT verweist auf den eigenen Releaseplan. Das Controlling liefert Zahlen mit drei Wochen Verzögerung. Der Projektleiter eskaliert, aber die Geschäftsleitung hat das Thema seit dem Kickoff nicht mehr besprochen.

Komplexe Vorhaben scheitern selten an der Methodik. Sie scheitern daran, dass der Projektleiter Verantwortung trägt, aber keine Entscheidungsmacht hat. Und daran, dass die Linie das Projekt als Fremdkörper behandelt.

Ein Projektleiter, den ich bei einem unternehmensweiten Digitalisierungsprojekt begleitet habe, brachte es in der dritten Steuerungskreissitzung auf den Punkt: „Ich bin offiziell verantwortlich für das Ergebnis. Aber ich kann weder Ressourcen zuweisen, noch Prioritäten der beteiligten Bereiche ändern, noch Entscheidungen treffen, die über meinen Projektrahmen hinausgehen. Ich koordiniere, aber ich steuere nicht.“ Sein Vorgesetzter hörte das zum ersten Mal, obwohl der Zustand seit Monaten bestand.

Das Muster wiederholt sich in jeder Organisation, die bereichsübergreifende Vorhaben durchführt: Softwaremigrationen, Restrukturierungen, Produkteinführungen, regulatorische Programme. Die Projektstruktur ist sauber aufgesetzt. Aber die Machtstruktur der Linienorganisation bleibt unverändert, und in diesem Spannungsfeld zerreibt sich das Projekt. Drei Hebel entscheiden darüber, ob ein bereichsübergreifendes Vorhaben Ergebnisse liefert oder in Abstimmungsschleifen versandet.

Hebel 1: Governance klären, bevor das Projekt startet

Die meisten Projekte starten mit einem Projektplan. Die wenigsten starten mit einer geklärten Governance: Wer entscheidet was? Wer hat ein Vetorecht? Wie werden Ressourcenkonflikte gelöst? Innerhalb welcher Frist muss eine Eskalation beantwortet werden? Und was passiert, wenn die Antwort ausbleibt?

Aaron Shenhar und Dov Dvir, zwei der führenden Forscher im Bereich Projektmanagement, haben in ihrer Arbeit zum Diamond Model gezeigt, dass es kein universelles Führungsmodell für Projekte gibt. Projekte unterscheiden sich in Komplexität, Neuartigkeit, Technologiegrad und Tempo, und der Führungsstil muss entsprechend angepasst werden. Je komplexer das Vorhaben, je mehr Bereiche und Hierarchien beteiligt sind, desto stärker verschiebt sich die Rolle des Projektleiters vom Planer zum Gestalter politischer Rahmenbedingungen. Und dafür braucht er die richtige Governanceim Rücken.

Ein Lenkungsausschuss muss mehr sein als ein monatliches Statusmeeting, in dem Ampeln gezeigt werden. Er muss ein Entscheidungsgremium sein, das Konflikte löst, Ressourcen zuweist und Prioritäten setzt. Und er braucht die richtigen Personen: nicht die, die Zeit haben, sondern die, die Entscheidungsbefugnis haben. Ein Lenkungsausschuss ohne Entscheidungsmacht ist ein Berichtsforum, kein Steuerungsgremium.

Governance auf dem PapierGovernance in der Praxis
Lenkungsausschuss tagt monatlichLenkungsausschuss entscheidet, wenn Konflikte eskaliert werden
Projektleiter „koordiniert“Projektleiter hat klares Mandat mit definierten Befugnissen
Eskalation „bei Bedarf“Eskalationsfrist von 48 Stunden, danach entscheidet die nächste Ebene
Ressourcen „werden bereitgestellt“Ressourcenzusagen sind verbindlich und in Zielvereinbarungen verankert

Hebel 2: Die Linie einbinden statt umgehen

Eine Bereichsleiterin, die ich bei einem bereichsübergreifenden Transformationsprojekt beraten habe, beschrieb den typischen Verlauf: „Am Anfang sind alle begeistert. Dann kommen die ersten Ressourcenkonflikte. Dann zieht die Linie ihre Leute ab, weil das Tagesgeschäft Vorrang hat. Und dann sitzt das Projektteam mit halber Besetzung da und wundert sich, warum nichts vorangeht.“

Das Problem ist strukturell: Die Linienorganisation und die Projektorganisation konkurrieren um dieselben Ressourcen, und die Linie gewinnt fast immer, weil dort die disziplinarische Macht liegt. Der Bereichsleiter entscheidet, womit seine Mitarbeiter ihre Zeit verbringen, nicht der Projektleiter. Wenn das offizielle Mandat fehlt oder nicht durchgesetzt wird, regiert die Schatten-Hierarchie: Der Projektleiter muss um Ressourcen werben und Gefälligkeiten einfordern, statt auf verbindliche Zusagen zurückgreifen zu können. Das ist nicht nur ineffizient, es verbrennt systematisch die besten Projektleiter.

Die Lösung liegt nicht darin, die Linie zu umgehen, sondern sie einzubinden. Machen Sie die beteiligten Bereichsleiter zu Mitverantwortlichen, nicht zu Zulieferern. Wie die Anreizsysteme dafür gestaltet werden müssen, ist eine organisatorische Grundsatzfrage, die über das einzelne Projekt hinausgeht. Auf Projektebene heißt Einbindung konkret: Schaffen Sie Transparenz. Wenn ein Bereich seine Zusagen nicht einhält, muss das im Lenkungsausschuss sichtbar werden, nicht als Anklage, sondern als Fakt. Die meisten Bereichsleiter kooperieren, wenn die Priorität klar ist und die Konsequenzen der Nichtkooperation transparent sind.

Hebel 3: Den Projektleiter befähigen, nicht nur benennen

Die Besetzung des Projektleiters ist oft die folgenreichste und am wenigsten durchdachte Entscheidung eines bereichsübergreifenden Vorhabens. Zu häufig wird die Rolle an jemanden vergeben, der gerade verfügbar ist, statt an jemanden, der die nötige Seniorität, das politische Geschick und die Durchsetzungsfähigkeit mitbringt.

Ein Projektleiter für ein bereichsübergreifendes Vorhaben braucht drei Dinge. Erstens ein klares, öffentlich ausgesprochenes Mandat der Geschäftsleitung, das allen beteiligten Bereichen bekannt ist. Nicht eine E-Mail, die im Postfach verschwindet, sondern ein Moment, in dem die Geschäftsleitung vor allen Beteiligten sagt: „Diese Person führt dieses Vorhaben. Unterstützen Sie sie.“ Zweitens Entscheidungsbefugnis innerhalb definierter Leitplanken: Welche Entscheidungen kann der Projektleiter allein treffen? Welche erfordern den Lenkungsausschuss? Ohne diese Klarheit wird jede Entscheidung zur Abstimmungsschleife. Drittens direkten Zugang zur Geschäftsleitung für Eskalationen, nicht über drei Hierarchieebenen, sondern unmittelbar. Die Erfahrung aus zahlreichen Beratungsmandaten zeigt: Der Erfolg bereichsübergreifender Vorhaben korreliert direkt mit der Seniorität und der Befugnis des Projektleiters, nicht mit der Qualität des Projektplans.

Und prüfen Sie regelmäßig, ob der Projektleiter noch handlungsfähig ist. Viele Vorhaben geraten in eine schleichende Lähmung, weil der Projektleiter längst keine Hebel mehr hat, dies aber nicht eskaliert, weil Eskalation in der Organisation als Schwäche gilt. Nehmen Sie das Stigma aus der Eskalation. Es ist kein Versagen. Es ist ein professioneller Mechanismus zur Klärung von Konflikten, die auf Projektebene strukturell nicht lösbar sind.

Realitäts-Check

Erstens: Gibt es für Ihr wichtigstes bereichsübergreifendes Vorhaben eine dokumentierte Governance, die klärt, wer entscheidet, wer eskaliert und innerhalb welcher Frist? Wenn nicht, klären Sie das vor dem nächsten Statusmeeting.

Zweitens: Steht der Beitrag zu bereichsübergreifenden Vorhaben in den Zielvereinbarungen der beteiligten Bereichsleiter? Wenn er nur als informelle Erwartung existiert, wissen Sie, warum die Linie das Projekt als Nebensache behandelt.

Drittens: Fragen Sie Ihren Projektleiter diese Woche: „Was ist das größte Hindernis, das außerhalb Ihres Einflussbereichs liegt?“ Und dann beseitigen Sie es. Das ist Ihre Aufgabe, nicht seine.

Die unbequeme Wahrheit

Bereichsübergreifende Vorhaben sind der Stresstest für die Führungsqualität einer Organisation. Sie zeigen, ob Zusammenarbeit tatsächlich gelebt wird oder nur proklamiert. Sie zeigen, ob Führungskräfte bereit sind, Ressourcen für ein gemeinsames Ziel freizugeben. Und sie zeigen, ob die Geschäftsleitung bereit ist, Prioritätenkonflikte zu entscheiden, statt sie an den Projektleiter zu delegieren.

Ein Projekt mit klarem Mandat, befähigtem Projektleiter und verbindlicher Governance kann auch unter schwierigen Bedingungen Ergebnisse liefern. Ein Projekt ohne diese drei Voraussetzungen kann noch so gut geplant sein. Es wird scheitern.

Weiterführende Impulse

Zusammenarbeit über Bereichsgrenzen – Die strukturellen Ursachen, warum bereichsübergreifende Arbeit an vertikalen Anreizen scheitert.

Wenn der Sponsor wechselt – Was passiert, wenn die politische Rückendeckung eines Projekts wegbricht und wie Sie vorbauen.

Alle Impulse finden Sie in der Übersicht.

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