Brücken bauen statt Silos sprengen

Wie Sie Zusammenarbeit fördern, ohne Strukturen zu zerstören

Das Symptom ist bekannt: Der Vertrieb beschwert sich über die IT, die IT über den Fachbereich, der Fachbereich über Compliance. Projekte verzögern sich, weil Informationen nicht fließen. Entscheidungen werden blockiert, weil niemand zuständig sein will – oder alle gleichzeitig.

Die Schlussfolgerung folgt prompt: Silos. Die Bereiche arbeiten gegeneinander statt miteinander. Die Lösung scheint offensichtlich: Silos aufbrechen.

Hier liegt der Denkfehler: Silos sind nicht das Problem. Sie sind das Symptom. Das Problem sind fehlende Brücken.

Wer Silos bekämpft, indem er Strukturen einreißt, schafft kein besseres Unternehmen. Er schafft Chaos. Die Kunst liegt darin, Verbindungen zu bauen – ohne die Vorteile klarer Strukturen zu opfern.

Warum Silos entstehen

Silos sind das logische Ergebnis von Organisationsdesign – und oft von Erfolg.

Spezialisierung schafft Effizienz. Sie haben Ihre Organisation in Bereiche aufgeteilt, weil Spezialisierung funktioniert. Der Vertrieb konzentriert sich auf Kunden, die IT auf Systeme, Finanzen auf Zahlen. Ohne diese Arbeitsteilung wäre keine komplexe Organisation handlungsfähig.

Klare Verantwortung schafft Verbindlichkeit. Wenn jeder für alles zuständig ist, ist niemand für etwas verantwortlich. Bereichsgrenzen schaffen Klarheit: Wer entscheidet? Wer liefert? Wer trägt die Konsequenzen?

Identität schafft Zusammenhalt. Teams brauchen ein Wir-Gefühl. Die Zugehörigkeit zu einem Bereich gibt Orientierung und motiviert. „Wir im Vertrieb“, „Wir in der Entwicklung“ – das ist nicht toxisch, das ist menschlich.

Silos entstehen, weil Organisationen funktionieren. Sie werden zum Problem, wenn aus Spezialisierung Isolation wird.

Der Unterschied zwischen Struktur und Isolation

Nicht jede Bereichsgrenze ist ein Silo. Die entscheidende Frage: Fließen Informationen, Entscheidungen und Zusammenarbeit über diese Grenzen hinweg?

Struktur bedeutet: Klare Zuständigkeiten, aber durchlässige Grenzen. Bereiche arbeiten autonom in ihrem Kerngeschäft, kooperieren aber bei übergreifenden Themen.

Isolation bedeutet: Bereiche optimieren nur für sich selbst. Information wird zurückgehalten. Zusammenarbeit fühlt sich an wie Diplomatie zwischen Staaten.

StrukturIsolation
Klare VerantwortungRevierverteidigung
SpezialisierungAbschottung
BereichsidentitätStammesdenken
Autonomie in KernthemenAutonomie in allem
Kooperation bei BedarfKooperation als Ausnahme

Diese Unterscheidung ist entscheidend: Haben Sie ein Strukturproblem – oder ein Isolationsproblem? Die Lösungen sind grundverschieden.

Die wahren Ursachen von Isolation

Wenn Bereiche sich abschotten, liegt das selten an mangelndem Willen zur Zusammenarbeit. Die Ursachen sind meist systemisch.

1. Anreize belohnen Bereichserfolg, nicht Unternehmenserfolg

Der Bereichsleiter wird am Ergebnis seines Bereichs gemessen. Die Zusammenarbeit mit anderen Bereichen kostet Zeit, bringt aber keine Punkte auf seinem Scoreboard. Rationales Verhalten: Fokus auf den eigenen Bereich.

Wer Silos beklagt, aber Einzelerfolge belohnt, hat kein Kulturproblem – sondern ein Anreizproblem.

2. Unklare Verantwortung bei übergreifenden Themen

Digitalisierung, Kundenerlebnis, Datenqualität – die wichtigsten Themen liegen quer zur Bereichsstruktur. Wenn niemand klar verantwortlich ist, passiert eines von zwei Dingen: Alle kämpfen um die Hoheit. Oder niemand fühlt sich zuständig. Beides führt zu Blockade.

3. Fehlende Räume für Austausch

Menschen kooperieren mit Menschen, die sie kennen. Wenn Führungskräfte verschiedener Bereiche sich i.d.R. nur im Vorstandsmeeting begegnen – formal, mit Agenda, unter Zeitdruck – entstehen keine Beziehungen. Ohne Beziehungen kein Vertrauen.

4. Historische Konflikte

Ein Projekt, das schiefging. Ein Konflikt zwischen Vorgängern. Eine Reorganisation, die Verlierer produzierte. Diese Geschichten wirken lange nach – auch wenn die Beteiligten längst gewechselt haben.

5. Führung, die Silos vorlebt

Wenn das Führungsteam selbst nicht kooperiert, warum sollten es die Bereiche tun? Wenn Sie als CEO mit Ihren Bereichsleitern oft nur bilateral sprechen, selten als Team – dann haben Sie Isolation von oben etabliert.

Die drei Hebel gegen Isolation

Isolation lässt sich nicht durch Appelle lösen. Sie brauchen strukturelle Veränderungen.

Hebel 1: Anreize

Was belohnt wird, passiert. Was nicht belohnt wird, passiert nicht.

  • Gemeinsame Ziele in die Bewertung von Führungskräften aufnehmen. Nicht 100% Bereichsziele, sondern 70/30 oder 60/40 mit übergreifenden KPIs.
  • Bereichsübergreifende Erfolge sichtbar machen – in Town Halls, in Reviews, in der internen Kommunikation.
  • Kooperationsverweigerung ansprechen – nicht öffentlich, aber klar im Führungsgespräch.

Hebel 2: Prozesse

Zusammenarbeit, die vom guten Willen Einzelner abhängt, ist keine Zusammenarbeit – sie ist Zufall.

  • Definierte Übergabepunkte zwischen Bereichen: Wer liefert was, wann, in welcher Qualität?
  • Gemeinsame Planungszyklen. Wenn der Vertrieb im Januar plant und die IT im März, ist Abstimmung unmöglich.
  • Eskalationswege, die funktionieren – direkt und schnell, nicht über mehrere Hierarchieebenen.
  • Gemeinsame Datenbasis. Datensilos sind oft schlimmer als organisatorische Silos. Wenn Marketing und Vertrieb unterschiedliche CRM-Daten nutzen, hilft auch kein Team-Workshop.

Hebel 3: Menschen

Am Ende arbeiten Menschen zusammen, nicht Organigramme.

  • Brückenrollen schaffen – Menschen, deren explizite Aufgabe die Verbindung zwischen Bereichen ist. Mit klarem Mandat, nicht als machtlose Stabsstelle.
  • Rotation ermöglichen. Führungskräfte, die in mehreren Bereichen gearbeitet haben, verstehen die jeweils andere Perspektive.
  • Informelle Räume schaffen. Gemeinsame Formate außerhalb der Regeltermine, die Beziehungen ermöglichen.

Was nicht funktioniert

Einige verbreitete Ansätze schaffen mehr Probleme als sie lösen.

Matrix-Organisation als Allheilmittel. Die Idee: Mehrere Berichtslinien erzwingen übergreifendes Denken. Die Realität: Doppelte Berichtswege, unklare Verantwortung, politische Konflikte. Matrix kann funktionieren – aber nur mit extremer Disziplin und glasklaren Regeln.

Endlose Abstimmungsrunden. Die Idee: Wenn alle bei allem mitreden, gibt es keine Silos mehr. Die Realität: Entscheidungen dauern ewig, Meetings fressen die Organisation. Zusammenarbeit bedeutet nicht, dass alle überall beteiligt sein müssen.

Strukturen einreißen. Die Idee: Ohne Bereichsgrenzen keine Silos. Die Realität: Ohne klare Strukturen weiß niemand, wer wofür zuständig ist. Informelle Machtkämpfe ersetzen formale Strukturen – und sind meist destruktiver.

Appelle an die Kultur. Die Idee: Wir müssen die Kultur ändern, dann kooperieren alle. Die Realität: Kultur folgt Struktur. Solange Anreize und Prozesse Isolation belohnen, ändern Kulturprogramme nichts.

Struktur schlägt Kultur. Wer Kooperation will, muss Kooperation belohnen – nicht einfordern.

Die Rolle des C-Levels

Als Geschäftsführer oder Vorstand haben Sie eine Hebelwirkung, die niemand sonst hat.

Vorbild sein. Wie arbeiten Sie mit Ihren Bereichsleitern zusammen? Führen Sie sie als Team – oder als Sammlung von Einzelspielern? Wenn Ihre Bereichsleiter nur über Sie miteinander kommunizieren, haben Sie kein Führungsteam – Sie sind der einzige Knotenpunkt in einem Netz, das ohne Sie nicht funktioniert.

Übergreifende Themen klar verorten. Digitalisierung, Kundenzentrierung, Nachhaltigkeit – jemand muss die Verantwortung tragen. Wenn Sie diese nicht klar zuordnen, wird sie niemand übernehmen.

Konflikte nicht aussitzen. Wenn zwei Bereiche im Dauerkonflikt sind, löst sich das selten von selbst. Sie müssen eingreifen – nicht indem Sie Partei ergreifen, sondern indem Sie eine Lösung herbeiführen.

Erfolg gemeinsam definieren. Was ist Erfolg für das Gesamtunternehmen? Wenn Sie das nicht klar kommunizieren, optimiert jeder Bereich für sich selbst. Das ist kein Fehlverhalten – das ist rationales Handeln in Abwesenheit gemeinsamer Ziele.


Der Pragmatiker-Check

Bevor Sie das nächste „Silo-Projekt“ starten:

  • Habe ich ein Struktur- oder ein Isolationsproblem?
  • Welche Anreize setzen wir aktuell – belohnen sie Kooperation oder Bereichserfolg?
  • Gibt es klare Verantwortung für die wichtigsten übergreifenden Themen?
  • Kennen sich meine Führungskräfte untereinander ausreichend gut?
  • Bin ich selbst das Vorbild für bereichsübergreifende Zusammenarbeit?
  • Welche konkreten Brücken fehlen – und wer könnte sie bauen?

Die unbequeme Wahrheit

Silos zu beklagen ist einfach. Jeder nickt, jeder ist dagegen, niemand muss sich ändern.

Silos zu lösen erfordert unbequeme Fragen über Anreize, Prozesse und das eigene Führungsverhalten. Es erfordert Entscheidungen, die Verlierer produzieren. Es erfordert Geduld, weil Vertrauen nicht über Nacht entsteht.

Die Bereiche arbeiten nicht gegeneinander, weil Menschen schwierig sind. Sie tun es, weil das System es belohnt – oder zumindest nicht bestraft.

Wer das System ändert, ändert das Verhalten. Die besten Organisationen sind nicht die ohne Strukturen. Es sind die mit klaren Strukturen und starken Brücken.

Von der Diagnose zur Umsetzung

Dieser Impuls beschreibt die Diagnose. Die passenden „Werkzeuge“ für die Therapie – von pragmatischen Frameworks über fundierte Studien bis hin zu buchbaren Excellence-Modulen – finden Sie hier: Alle pragmatischen Lösungen anzeigen.

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