Vom Experten zur Führungskraft: Die drei häufigsten Fallstricke im ersten Jahr

Die Beförderung, die alles ändert

Sie waren gut. Richtig gut. So gut, dass man Sie befördert hat. Vom Experten zur Führungskraft. Vom besten Entwickler zum Teamleiter. Von der erfolgreichsten Projektmanagerin zur Abteilungsleiter. Von der Fachexpertin zur Gruppenleitung.

Und jetzt? Jetzt fühlen Sie sich manchmal wie ein Hochstapler.

Die Arbeit, für die Sie bisher belohnt wurden, ist jetzt Ihr größtes Hindernis. Die Fähigkeiten, die Sie hierher gebracht haben, sind plötzlich nicht mehr gefragt. Stattdessen sollen Sie „führen“ – was auch immer das konkret bedeutet. Sie sitzen in Meetings, die nichts mit Ihrer Expertise zu tun haben. Sie lösen Konflikte zwischen Menschen, die Sie eigentlich mögen. Sie treffen Entscheidungen über Themen, von denen Sie weniger verstehen als Ihre Mitarbeiter.

Willkommen im ersten Jahr als Führungskraft. Es ist härter, als Ihnen jemand gesagt hat.

Die unbequeme Wahrheit: Die Fähigkeiten, die Sie zur Führungskraft gemacht haben, sind nicht die Fähigkeiten, die Sie als Führungskraft erfolgreich machen.

Das ist keine Kritik an Ihnen. Es ist eine strukturelle Realität, die fast jede neue Führungskraft trifft – und über die erstaunlich wenig gesprochen wird.

Dieser Artikel richtet sich an neue Führungskräfte in der Transition – aber auch an Geschäftsführer und Bereichsleiter, die verstehen wollen, warum ihre besten Experten nach der Beförderung ins Straucheln geraten. Die Muster sind vorhersehbar. Die Lösungen auch.

Fallstrick 1: Sie bleiben der beste Experte

Der erste und häufigste Fehler: Sie machen weiter, was Sie gut können.

Das klingt paradox. Warum sollte es falsch sein, das zu tun, worin man exzellent ist? Die Antwort ist einfach und schmerzhaft: Weil es nicht mehr Ihr Job ist.

Als Experte war Ihr Wert Ihre persönliche Leistung. Die Qualität Ihres Codes. Die Präzision Ihrer Analysen. Die Brillanz Ihrer Lösungen. Als Führungskraft ist Ihr Wert die Leistung Ihres Teams. Nicht mehr, nicht weniger.

Aber alte Gewohnheiten sterben langsam. Sie sehen einen Fehler im Code – und korrigieren ihn selbst, statt ihn anzusprechen. Sie bekommen eine komplexe Anfrage – und bearbeiten sie selbst, weil es schneller geht. Sie sitzen im Meeting – und beantworten die technische Frage selbst, bevor Ihr Mitarbeiter den Mund aufmachen kann.

Jedes Mal, wenn Sie das tun, passieren drei Dinge:

  • Sie signalisieren Ihrem Team, dass Sie ihm nicht vertrauen. Nicht explizit. Aber die Botschaft ist klar: „Ich mache es lieber selbst.“
  • Sie verhindern, dass Ihr Team wächst. Menschen lernen durch Herausforderungen. Wenn Sie jede Herausforderung selbst lösen, nehmen Sie Ihrem Team die Chance zu lernen.
  • Sie machen sich unersetzlich auf die falsche Art. Nicht als Führungskraft, die ein starkes Team aufbaut – sondern als Experte, ohne den nichts läuft. Das ist kein Erfolg. Das ist eine Falle.

80% Qualität, die skaliert, schlägt 100% Qualität, die am Flaschenhals scheitert – und dieser Flaschenhals sind Sie.

Die Versuchung ist groß. Sie sehen, wie es besser ginge. Sie wissen, dass Sie es schneller könnten. Aber Ihre Aufgabe ist nicht mehr, es selbst zu tun. Ihre Aufgabe ist, andere zu befähigen, es zu tun.

Das fühlt sich anfangs wie Kontrollverlust an. Wie Qualitätsverlust. Wie Ineffizienz. Aber es ist der einzige Weg, wie Sie als Führungskraft skalieren können. Ihr persönlicher Output hat eine Obergrenze. Der Output Ihres Teams nicht.

Der versteckte Schmerz: Identitätsverlust

Worüber selten gesprochen wird: Die Transition zur Führungskraft ist nicht nur ein Kompetenzproblem. Es ist eine Identitätskrise.

Als Experte wussten Sie, wer Sie sind. Ihr Selbstwert kam aus Ihrem Wissen, Ihrer Problemlösungsfähigkeit, Ihrer fachlichen Exzellenz. „Ich bin der beste Entwickler im Team.“ „Ich bin die, die jedes Problem löst.“ Das war nicht nur Ihr Job – das waren Sie.

Und jetzt? Jetzt sollen Sie diesen Teil von sich nicht mehr nutzen. Jedenfalls nicht so wie früher.

Was bleibt, wenn Sie nicht mehr der Experte sein dürfen? Wer sind Sie dann?

Diese Frage stellen sich viele neue Führungskräfte – aber kaum jemand spricht sie aus. Stattdessen kompensieren sie. Sie arbeiten härter. Sie kontrollieren mehr. Sie beweisen sich selbst, dass sie immer noch der beste Experte sind – und sabotieren damit genau die Führungsrolle, in die sie hineinwachsen sollten.

Die härteste Erkenntnis: Sie müssen einen Teil Ihrer beruflichen Identität sterben lassen, um eine neue aufzubauen.

Das ist kein Versagen. Das ist Wachstum. Aber es fühlt sich oft nicht so an.

Fallstrick 2: Sie treffen alle Entscheidungen selbst

Der zweite Fehler folgt oft aus dem ersten: Wenn Sie der beste Experte sind, sollten Sie auch alle Entscheidungen treffen. Richtig?

Falsch.

Neue Führungskräfte werden oft zu Flaschenhälsen, ohne es zu merken. Das Team wartet auf Freigaben. Projekte stocken, weil „der Chef noch drüber schauen muss“. Mitarbeiter hören auf, selbst zu denken, weil „am Ende entscheidet eh die Chefin“.

Das passiert nicht aus Machtgier. Es passiert aus Verantwortungsgefühl. Sie sind jetzt verantwortlich. Also müssen Sie alles kontrollieren. Jede Entscheidung absegnen. Jeden Fehler verhindern.

Das Problem: Sie können nicht alles kontrollieren. Nicht bei einem Team von fünf Menschen. Erst recht nicht bei zwanzig. Der Versuch, alles zu kontrollieren, führt zu drei vorhersehbaren Ergebnissen:

  • Sie werden zum Engpass. Ihr Team kann nur so schnell arbeiten, wie Sie Entscheidungen treffen können. Und Ihr Kalender ist voll.
  • Ihr Team wird unselbstständig. Warum selbst nachdenken, wenn die Führungskraft sowieso anders entscheidet? Gelernte Hilflosigkeit ist ansteckend.
  • Sie brennen aus. Jede Entscheidung kostet mentale Energie. Wenn Sie alle Entscheidungen treffen, haben Sie am Ende des Tages keine Energie mehr – und am Ende des Jahres keine Gesundheit.

Die Frage ist nicht: „Was ist die beste Entscheidung?“ Die Frage ist: „Wer sollte diese Entscheidung treffen?“

Eine einfache Regel hilft: Wenn die Kosten eines möglichen Fehlers geringer sind als die Kosten Ihrer Zeit zur Überprüfung – delegieren Sie. Ihr Team wird Fehler machen. Aber die meisten Fehler sind korrigierbar. Ihre Zeit ist es nicht.

Delegation bedeutet nicht, die Arbeit abzuschieben. Es bedeutet, Verantwortung zu übertragen. Mit dem Vertrauen, dass Ihr Team gute Entscheidungen trifft. Und mit der Akzeptanz, dass „gute Entscheidungen“ nicht immer „Ihre Entscheidungen“ sind.

Fallstrick 3: Sie vermeiden die unbequemen Gespräche

Der dritte Fehler ist der menschlichste: Sie wollen gemocht werden.

Als Experte konnten Sie das ignorieren. Ihre Arbeit sprach für sich. Als Führungskraft ist das anders. Plötzlich hängt Ihr Erfolg davon ab, wie andere Menschen performen. Und Menschen performen besser, wenn sie ihre Führungskraft respektieren. Also wollen Sie respektiert werden – und verwechseln das mit gemocht werden.

Das Problem: Führung erfordert manchmal Entscheidungen, die nicht beliebt sind.

Der Mitarbeiter, der unter seiner Leistung bleibt – Sie müssen das Gespräch führen. Die Kollegin, die das Team mit Negativität runterzieht – Sie müssen das ansprechen. Der Konflikt zwischen zwei Teammitgliedern – Sie müssen moderieren, auch wenn beide Seiten danach frustriert sind.

Neue Führungskräfte vermeiden diese Gespräche. Sie hoffen, dass sich Probleme von selbst lösen. Sie geben vages Feedback statt klarer Ansagen. Sie warten zu lange, bis kleine Probleme zu großen Krisen werden.

Vermiedene Konflikte verschwinden nicht. Sie wachsen.

Das Teammitglied, dessen Leistung Sie nicht angesprochen haben? Es weiß nicht, dass es ein Problem gibt. Also ändert sich nichts. Ihre anderen Mitarbeiter sehen: Minderleistung hat keine Konsequenzen. Also sinkt der Standard.

Der Konflikt, den Sie ignoriert haben? Er schwelt weiter. Die Beteiligten werden frustrierter. Irgendwann eskaliert er – und dann ist die Lösung zehnmal schwieriger.

Die harte Wahrheit: Respekt ist wichtiger als Beliebtheit. Und Respekt entsteht durch Klarheit, nicht durch Vermeidung.

Das bedeutet nicht, dass Sie hart oder kalt sein müssen. Aber Sie müssen direkt sein. Trennen Sie Beobachtung von Bewertung:

„Mir ist aufgefallen, dass die letzten drei Deadlines nicht gehalten wurden. Das hat Auswirkungen auf das gesamte Projekt. Wie siehst du das?“

Keine Weichspüler. Keine Sandwich-Technik. Eine klare Beobachtung, eine klare Konsequenz, eine offene Frage. Das respektiert die Intelligenz Ihres Gegenübers – und gibt ihm die Chance, seine Perspektive einzubringen.

Die eigentliche Transition: Von „Ich“ zu „Wir“

Alle drei Fallstricke haben denselben Ursprung: die Schwierigkeit, von individueller Leistung auf kollektive Wirkung umzuschalten.

Als Experte war Ihr Erfolgsmaßstab: Was habe ich geschafft?

Als Führungskraft ist Ihr Erfolgsmaßstab: Was hat mein Team geschafft?

Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Es ist ein fundamentaler Unterschied. Er verändert, wie Sie Ihren Tag strukturieren. Wie Sie Prioritäten setzen. Wie Sie Erfolg definieren.

Ein guter Tag als Experte: Sie haben ein komplexes Problem gelöst. Persönlich. Brillant.

Ein guter Tag als Führungskraft: Ihr Team hat ein komplexes Problem gelöst. Ohne Sie. Weil Sie es befähigt haben.

Dieser zweite Tag fühlt sich anfangs nicht wie Erfolg an. Er fühlt sich an wie Nichtstun. Wie Kontrollverlust. Wie Irrelevanz.

Aber er ist der eigentliche Erfolg. Weil er bedeutet, dass Sie etwas aufgebaut haben, das größer ist als Sie selbst.

Die beste Führungskraft ist nicht die, ohne die nichts läuft. Es ist die, deren Team eigenständig handelt – weil es befähigt wurde und weiß, dass die Führungskraft ihm bei Gegenwind den Rücken freihält.

Was im ersten Jahr wirklich zählt

Das erste Jahr als Führungskraft ist ein Lernprozess. Kein Führungsseminar der Welt bereitet Sie vollständig darauf vor. Sie werden Fehler machen. Wahrscheinlich alle drei, die hier beschrieben sind. Wahrscheinlich noch einige mehr.

Das ist in Ordnung. Die Frage ist nicht, ob Sie Fehler machen. Die Frage ist, ob Sie daraus lernen.

Drei Dinge, die im ersten Jahr wirklich helfen:

Holen Sie sich einen Sparringspartner. Jemand, der die Transition schon gemacht hat. Jemand, dem Sie ehrlich sagen können: „Ich habe heute einen Fehler gemacht.“ Jemand, der Ihnen sagt, was Sie nicht hören wollen. Das kann ein Mentor sein, ein Coach, ein erfahrener Kollege – aber es sollte jemand sein.

Definieren Sie Erfolg neu. Nicht: „Habe ich heute gute Arbeit geleistet?“ Sondern: „Habe ich heute mein Team besser gemacht?“ Das ist ein anderer Maßstab. Er erfordert eine andere Denkweise. Üben Sie sie bewusst.

Geben Sie sich Zeit. Die Transition vom Experten zur Führungskraft dauert. Nicht Wochen. Monate. Vielleicht ein Jahr. Das ist normal. Sie lernen einen neuen Beruf. Erwarten Sie nicht, dass Sie ihn vom ersten Tag an beherrschen.


Der Pragmatiker-Check: Wo stehen Sie?

Fünf ehrliche Fragen für neue Führungskräfte:

  • Wie viel Ihrer Zeit verbringen Sie mit Facharbeit vs. Führungsarbeit? Wenn mehr als 30% in Facharbeit fließt, sind Sie noch Experte mit Führungstitel.
  • Wie lange dauert es, bis Ihr Team eine operative Entscheidung treffen kann? Wenn die Antwort „bis ich verfügbar bin“ ist, sind Sie der Engpass.
  • Wann haben Sie zuletzt ein unbequemes Feedback-Gespräch geführt? Wenn Sie sich nicht erinnern können, vermeiden Sie wahrscheinlich Konflikte.
  • Was würde passieren, wenn Sie zwei Wochen nicht erreichbar wären? Wenn die Antwort „Chaos“ ist, haben Sie keine Führungsstruktur aufgebaut.
  • Worüber haben Sie sich diese Woche am meisten gefreut: eigene Leistung oder Team-Leistung? Ihre ehrliche Antwort zeigt, wo Ihr Kopf noch ist.

Was jetzt?

Die Transition vom Experten zur Führungskraft ist eine der schwierigsten beruflichen Veränderungen. Sie verlangt, dass Sie vieles verlernen, was Sie erfolgreich gemacht hat – und Neues lernen, das sich anfangs unnatürlich anfühlt.

Das ist keine Schwäche. Das ist der Prozess.

Von der Diagnose zur Umsetzung

Dieser Impuls beschreibt die Diagnose. Die passenden „Werkzeuge“ für die Therapie – von pragmatischen Frameworks über fundierte Studien bis hin zu buchbaren Excellence-Modulen – finden Sie hier: Alle pragmatischen Lösungen anzeigen.

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