{"id":3041,"date":"2026-05-21T06:51:00","date_gmt":"2026-05-21T04:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/andresass.com\/?p=3041"},"modified":"2026-05-18T12:00:57","modified_gmt":"2026-05-18T10:00:57","slug":"bereichsuebergreifende-projekte-steuern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/bereichsuebergreifende-projekte-steuern\/","title":{"rendered":"Das Projekt, das alle wollen und niemand steuert: Warum bereichs\u00fcbergreifende Vorhaben scheitern"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mandat ohne Hebel<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Transformationsprojekt hat alles, was ein Projekt braucht: Vorstandsmandat, Budget, Zeitplan, einen engagierten Projektleiter. Und trotzdem bewegt sich wenig. Der Vertrieb priorisiert das Tagesgesch\u00e4ft. Die IT verweist auf den eigenen Releaseplan. Das Controlling liefert Zahlen mit drei Wochen Verz\u00f6gerung. Der Projektleiter eskaliert, aber die Gesch\u00e4ftsleitung hat das Thema seit dem Kickoff nicht mehr besprochen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><strong>Komplexe Vorhaben scheitern selten an der Methodik. Sie scheitern daran, dass der Projektleiter Verantwortung tr\u00e4gt, aber keine Entscheidungsmacht hat. Und daran, dass die Linie das Projekt als Fremdk\u00f6rper behandelt.<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein Projektleiter, den ich bei einem unternehmensweiten&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/ki-einfuehren-organisation\/\">Digitalisierungsprojekt<\/a>&nbsp;begleitet habe, brachte es in der dritten Steuerungskreissitzung auf den Punkt: \u201eIch bin offiziell verantwortlich f\u00fcr das Ergebnis. Aber ich kann weder Ressourcen zuweisen, noch Priorit\u00e4ten der beteiligten Bereiche \u00e4ndern, noch Entscheidungen treffen, die \u00fcber meinen Projektrahmen hinausgehen. Ich koordiniere, aber ich steuere nicht.&#8220; Sein Vorgesetzter h\u00f6rte das zum ersten Mal, obwohl der Zustand seit Monaten bestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Muster wiederholt sich in jeder Organisation, die bereichs\u00fcbergreifende Vorhaben durchf\u00fchrt:&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/tech-debt-management-innovation\/\">Softwaremigrationen<\/a>, Restrukturierungen, Produkteinf\u00fchrungen, regulatorische Programme. Die Projektstruktur ist sauber aufgesetzt. Aber die Machtstruktur der Linienorganisation bleibt unver\u00e4ndert, und in diesem Spannungsfeld zerreibt sich das Projekt. Drei Hebel entscheiden dar\u00fcber, ob ein bereichs\u00fcbergreifendes Vorhaben Ergebnisse liefert oder in Abstimmungsschleifen versandet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hebel 1: Governance kl\u00e4ren, bevor das Projekt startet<\/h2>\n\n\n\n<p>Die meisten Projekte starten mit einem Projektplan. Die wenigsten starten mit einer gekl\u00e4rten Governance: Wer entscheidet was? Wer hat ein Vetorecht? Wie werden Ressourcenkonflikte gel\u00f6st? Innerhalb welcher Frist muss eine Eskalation beantwortet werden? Und was passiert, wenn die Antwort ausbleibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Aaron Shenhar und Dov Dvir, zwei der f\u00fchrenden Forscher im Bereich Projektmanagement, haben in ihrer Arbeit zum Diamond Model gezeigt, dass es kein universelles F\u00fchrungsmodell f\u00fcr Projekte gibt. Projekte unterscheiden sich in Komplexit\u00e4t, Neuartigkeit, Technologiegrad und Tempo, und der F\u00fchrungsstil muss entsprechend angepasst werden. Je komplexer das Vorhaben, je mehr Bereiche und Hierarchien beteiligt sind, desto st\u00e4rker verschiebt sich die Rolle des Projektleiters vom Planer zum Gestalter politischer Rahmenbedingungen. Und daf\u00fcr braucht er die richtige&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/agile-governance\/\">Governance<\/a>im R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/sponsor-wechselt-projektkontinuitaet\/\">Lenkungsausschuss<\/a>&nbsp;muss mehr sein als ein monatliches Statusmeeting, in dem Ampeln gezeigt werden. Er muss ein Entscheidungsgremium sein, das Konflikte l\u00f6st, Ressourcen zuweist und Priorit\u00e4ten setzt. Und er braucht die richtigen Personen: nicht die, die Zeit haben, sondern die, die&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/entscheidungen-unter-unsicherheit-70-prozent-prinzip\/\">Entscheidungsbefugnis<\/a>&nbsp;haben. Ein Lenkungsausschuss ohne Entscheidungsmacht ist ein Berichtsforum, kein Steuerungsgremium.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th>Governance auf dem Papier<\/th><th>Governance in der Praxis<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Lenkungsausschuss tagt monatlich<\/td><td>Lenkungsausschuss entscheidet, wenn Konflikte eskaliert werden<\/td><\/tr><tr><td>Projektleiter \u201ekoordiniert&#8220;<\/td><td>Projektleiter hat klares Mandat mit definierten Befugnissen<\/td><\/tr><tr><td>Eskalation \u201ebei Bedarf&#8220;<\/td><td>Eskalationsfrist von 48 Stunden, danach entscheidet die n\u00e4chste Ebene<\/td><\/tr><tr><td>Ressourcen \u201ewerden bereitgestellt&#8220;<\/td><td>Ressourcenzusagen sind verbindlich und in Zielvereinbarungen verankert<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hebel 2: Die Linie einbinden statt umgehen<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine Bereichsleiterin, die ich bei einem bereichs\u00fcbergreifenden&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/transformation-tempo-schnelligkeit-vs-gruendlichkeit\/\">Transformationsprojekt<\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/beratung\/\">beraten<\/a>&nbsp;habe, beschrieb den typischen Verlauf: \u201eAm Anfang sind alle begeistert. Dann kommen die ersten Ressourcenkonflikte. Dann zieht die Linie ihre Leute ab, weil das Tagesgesch\u00e4ft Vorrang hat. Und dann sitzt das Projektteam mit halber Besetzung da und wundert sich, warum nichts vorangeht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem ist strukturell: Die Linienorganisation und die Projektorganisation konkurrieren um dieselben Ressourcen, und die Linie gewinnt fast immer, weil dort die disziplinarische Macht liegt. Der Bereichsleiter entscheidet, womit seine Mitarbeiter ihre Zeit verbringen, nicht der Projektleiter. Wenn das offizielle Mandat fehlt oder nicht durchgesetzt wird, regiert die Schatten-Hierarchie: Der Projektleiter muss um Ressourcen werben und Gef\u00e4lligkeiten einfordern, statt auf verbindliche Zusagen zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen. Das ist nicht nur ineffizient, es verbrennt systematisch die besten Projektleiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00f6sung liegt nicht darin, die Linie zu umgehen, sondern sie einzubinden. Machen Sie die beteiligten Bereichsleiter zu Mitverantwortlichen, nicht zu Zulieferern. Wie die&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/zusammenarbeit-bereichsgrenzen\/\">Anreizsysteme<\/a>&nbsp;daf\u00fcr gestaltet werden m\u00fcssen, ist eine organisatorische Grundsatzfrage, die \u00fcber das einzelne Projekt hinausgeht. Auf Projektebene hei\u00dft Einbindung konkret: Schaffen Sie Transparenz. Wenn ein Bereich seine Zusagen nicht einh\u00e4lt, muss das im Lenkungsausschuss sichtbar werden, nicht als Anklage, sondern als Fakt. Die meisten Bereichsleiter kooperieren, wenn die&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/prioritaeten-setzen-fokus\/\">Priorit\u00e4t<\/a>&nbsp;klar ist und die Konsequenzen der Nichtkooperation transparent sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hebel 3: Den Projektleiter bef\u00e4higen, nicht nur benennen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Besetzung des Projektleiters ist oft die folgenreichste und am wenigsten durchdachte Entscheidung eines bereichs\u00fcbergreifenden Vorhabens. Zu h\u00e4ufig wird die Rolle an jemanden vergeben, der gerade verf\u00fcgbar ist, statt an jemanden, der die n\u00f6tige Seniorit\u00e4t, das politische Geschick und die Durchsetzungsf\u00e4higkeit mitbringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Projektleiter f\u00fcr ein bereichs\u00fcbergreifendes Vorhaben braucht drei Dinge. Erstens ein klares, \u00f6ffentlich ausgesprochenes Mandat der Gesch\u00e4ftsleitung, das allen beteiligten Bereichen bekannt ist. Nicht eine E-Mail, die im Postfach verschwindet, sondern ein Moment, in dem die Gesch\u00e4ftsleitung vor allen Beteiligten sagt: \u201eDiese Person f\u00fchrt dieses Vorhaben. Unterst\u00fctzen Sie sie.&#8220; Zweitens&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/verantwortung-fuehrung-klarheit\/\">Entscheidungsbefugnis<\/a>&nbsp;innerhalb definierter Leitplanken: Welche Entscheidungen kann der Projektleiter allein treffen? Welche erfordern den Lenkungsausschuss? Ohne diese Klarheit wird jede Entscheidung zur Abstimmungsschleife. Drittens direkten Zugang zur Gesch\u00e4ftsleitung f\u00fcr Eskalationen, nicht \u00fcber drei Hierarchieebenen, sondern unmittelbar. Die Erfahrung aus zahlreichen&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/profil\/\">Beratungsmandaten<\/a>&nbsp;zeigt: Der Erfolg bereichs\u00fcbergreifender Vorhaben korreliert direkt mit der Seniorit\u00e4t und der Befugnis des Projektleiters, nicht mit der Qualit\u00e4t des Projektplans.<\/p>\n\n\n\n<p>Und pr\u00fcfen Sie regelm\u00e4\u00dfig, ob der Projektleiter noch handlungsf\u00e4hig ist. Viele Vorhaben geraten in eine schleichende L\u00e4hmung, weil der Projektleiter l\u00e4ngst keine Hebel mehr hat, dies aber nicht eskaliert, weil Eskalation in der Organisation als&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/absicherungskultur-durchbrechen\/\">Schw\u00e4che<\/a>&nbsp;gilt. Nehmen Sie das Stigma aus der Eskalation. Es ist kein Versagen. Es ist ein professioneller Mechanismus zur Kl\u00e4rung von Konflikten, die auf Projektebene strukturell nicht l\u00f6sbar sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Realit\u00e4ts-Check<\/h2>\n\n\n\n<p>Erstens: Gibt es f\u00fcr Ihr wichtigstes bereichs\u00fcbergreifendes Vorhaben eine dokumentierte Governance, die kl\u00e4rt, wer entscheidet, wer eskaliert und innerhalb welcher Frist? Wenn nicht, kl\u00e4ren Sie das vor dem n\u00e4chsten Statusmeeting.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens: Steht der Beitrag zu bereichs\u00fcbergreifenden Vorhaben in den Zielvereinbarungen der beteiligten Bereichsleiter? Wenn er nur als informelle Erwartung existiert, wissen Sie, warum die Linie das Projekt als Nebensache behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens: Fragen Sie Ihren Projektleiter diese Woche: \u201eWas ist das gr\u00f6\u00dfte Hindernis, das au\u00dferhalb Ihres Einflussbereichs liegt?&#8220; Und dann beseitigen Sie es. Das ist Ihre Aufgabe, nicht seine.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die unbequeme Wahrheit<\/h2>\n\n\n\n<p>Bereichs\u00fcbergreifende Vorhaben sind der Stresstest f\u00fcr die F\u00fchrungsqualit\u00e4t einer Organisation. Sie zeigen, ob&nbsp;<a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/zusammenarbeit-bereichsgrenzen\/\">Zusammenarbeit<\/a>&nbsp;tats\u00e4chlich gelebt wird oder nur proklamiert. Sie zeigen, ob F\u00fchrungskr\u00e4fte bereit sind, Ressourcen f\u00fcr ein gemeinsames Ziel freizugeben. Und sie zeigen, ob die Gesch\u00e4ftsleitung bereit ist, Priorit\u00e4tenkonflikte zu entscheiden, statt sie an den Projektleiter zu delegieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Projekt mit klarem Mandat, bef\u00e4higtem Projektleiter und verbindlicher Governance kann auch unter schwierigen Bedingungen Ergebnisse liefern. Ein Projekt ohne diese drei Voraussetzungen kann noch so gut geplant sein. Es wird scheitern.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Weiterf\u00fchrende Impulse<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/zusammenarbeit-bereichsgrenzen\/\">Zusammenarbeit \u00fcber Bereichsgrenzen<\/a><\/strong>&nbsp;\u2013 Die strukturellen Ursachen, warum bereichs\u00fcbergreifende Arbeit an vertikalen Anreizen scheitert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/sponsor-wechselt-projektkontinuitaet\/\">Wenn der Sponsor wechselt<\/a><\/strong>&nbsp;\u2013 Was passiert, wenn die politische R\u00fcckendeckung eines Projekts wegbricht und wie Sie vorbauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Impulse finden Sie in der&nbsp;<strong><a href=\"https:\/\/andresass.com\/de\/impulse\/\">\u00dcbersicht<\/a><\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorstandsmandat, Budget, Zeitplan, engagierter Projektleiter. Und trotzdem bewegt sich nichts. 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